Wanderfalken am Kaiserdom Königslutter

Günter Brombach – Projektgruppe Wanderfalkenschutz Niedersachsen

Der Wanderfalke (Falco peregrinus) beeindruckt seit jeher. Er gilt als schnellster Vogel bzw. schnellstes Tier der Welt. Mit modernen Messmethoden und wissenschaftlichen Studien wurde eine Geschwindigkeit im Sturzflug von über 300 km/h nachgewiesen (MILLS et al. 2018). Wer jemals den rasanten Flug des Falken gesehen hat, kann sich wohl kaum seiner Faszination entziehen. Bereits im Mittelalter galten sie beim Adel als edle Jagdbegleiter und der Begriff der „Falknerei“ als Synonym für die Jagd mit Greifvögeln jeglicher Art kommt nicht von ungefähr. Das Buch „De arte venandi cum avibus“ (lateinisch; deutsch wörtlich „Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen“), wurde zwischen 1241 und 1248 von Friedrich II. (1194-1250) in lateinischer Sprache verfasst und gilt noch heute als Standardwerk für die Falknerei (WIKIPEDIA). Möglicherweise hat auch der Stifter des Doms zu Königslutter, Kaiser Lothar III. (1075-1137), schon mit Falken gejagt.

Steckbrief: Die Nominatform ist als seltener und verstreuter Brut- und Jahresvogel in weiten Teilen Mitteleuropas vertreten. Es handelt sich um einen mittelgroßen bis großen Falken. Männchen sind erkennbar kleiner als Weibchen (W) und erreichen eine Körperlänge von 38-45 cm (W: 46-51 cm) mit einer Spannweite von 89-100 cm (W: 104-113 cm). Jungvögel unterscheiden sich u. a. von adulten durch die gänzlich braune Rückseite (anstelle von heller, bleigrauer Rückseite), längs gestreiftem Brust-und Bauchgefieder (anstelle Querbänderung) und bläulicher anstatt gelber Färbung der Wachshaut und Augenringe.

Rückblick: Der Wanderfalke ist eine streng geschützte Art. Im 20. Jahrhundert gab es in Deutschland mehr oder weniger gleichbleibende Bestände von Fels- und Baumbrütern. Ab Mitte der 1950er Jahre nahm die Anzahl der Brutpaare (BP) dramatisch ab. Wurden 1950 noch über 800 BP gezählt, so waren die Vorkommen Mitte der 1970er Jahre in fast allen Landesteilen erloschen. Das gilt auch für die letzten Baumbrüter in MecklenburgVorpommern, wo 1970 noch von 15 BP berichtet wurde. Lediglich in Bayern und Baden-Württemberg überlebten 31 bzw. 30 BP (ROCKENBAUCH 1998). Über die Ursachen ist sich die Fachwelt bis heute nicht einig: Während einige diesen drastischen Rückgang auf die Verbreitung von Insektiziden wie DDT über die Beutetiere zurückführen, sehen andere als Hauptursache die jagdliche Verfolgung, Aushorstung sowie die systematische Vernichtung der Nester und Gelege durch Tauben- und Kleintierzüchter (ROCKENBAUCH 1998, BAUER et al. 2005). Mit dem Verbot der Herstellung und des Gebrauchs der Insektizide in Land- und Forstwirtschaft, durch Einführung hoher Strafen für Abschüsse sowie Eier- oder Jungvogelentnahme, Ausweisung von Schutzräumen und Kletterverboten wurden zunächst die Voraussetzungen für eine Wiederansiedlung geschaffen. Obwohl die Habitate noch intakt waren, erholten sich die Bestände, besonders in den Ländern mit völligen Bestandseinbrüchen, nur langsam aus eigener Kraft. Es bedurfte weiterer Schutz- und geeigneter Begleitmaßnahmen, um die Verbreitung der Art zu begünstigen. Mit der Überwachung der Bruthabitate sowie der Herstellung geeigneter Brutnischen und Nistkästen verbesserten sich die Bestände in Deutschland ab den 1980er Jahren erheblich. Viele ehrenamtliche Naturschützer und Helfer wie unsere Projektgruppe Wanderfalkenschutz Niedersachsen (PWN) haben zu diesem Erfolg beigetragen. Eine Auswilderung gezüchteter Falken wurde nicht in allen Ländern Deutschlands durchgeführt und ist zahlenmäßig gering im Vergleich zu den natürlich ausgeflogenen Vögeln. Mittlerweile wurde die Anzahl der BP vor dem Bestandseinbruch wieder erreicht. Zurzeit sind neue Gefährdungsursachen festzustellen, die bis Ende der 1990er Jahre noch nicht absehbar waren. So ist ein Rückgang erfolgreicher Bruten durch das vermehrte Aufkommen von Prädatoren, vornehmlich dem Uhu (Bubo bubo) und in geringerem Maße dem Waschbären (Procyon lotor), zu verzeichnen.

Die Wanderfalken am Kaiserdom: Vermutlich siedeln die Wanderfalken schon seit Jahren am Kaiserdom – wurden aber nicht als solche bemerkt. Erst im Jahr 2023 konnte die PWN in der Feldmark südwestlich des Doms vier flügge Jungvögel auf einem Hochspannungsmast entdecken. Aber wo konnten die erbrütet worden sein? Wanderfalken bauen selbst keine Nester und sind auf Brutnischen in Felsen oder Nester anderer Vögel wie Kolkraben angewiesen. Da ein solches Nest in der Feldmark nicht zu finden war, konzentrierten wir uns auf Brutmöglichkeiten im Stadtgebiet von Königslutter. Hier fielen natürlich sofort die Türme des Doms ins Auge, die wie auch andere höhere Bauwerke von Wanderfalken als „Ersatzfelsen“ betrachtet werden. Nachfragen bei der Kirchengemeinde und Anwohnern benachbarter Häuser ergaben lediglich Hinweise auf Turmfalken. Anhand von sicher zugeordneten Beutespuren konnten wir aber die Präsenz von Wanderfalken nachweisen. Nachdem wir die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz als Eigentümerin des Doms ausfindig gemacht hatten, wurde ein Termin zur Besichtigung und Revision der Brutstätte vereinbart. Die Mitarbeiter der Stiftung waren sehr aufgeschlossen und entgegenkommend. Noch vor der Besichtigung am 19.10.2023 konnte ein adulter Wanderfalke auf dem Domgebäude beobachtet und fotografiert werden (Abb. 1). Nach dem Aufstieg auf die Türme zeigten sich dort zwei offensichtlich schon jahrelang wechselseitig genutzte Brutnischen, die wir zunächst säuberten und danach mit einer neuen Kiesschüttung ausstatteten (Abb. 2).

Die Gestaltung der Nischen zeigte, dass die Brutstätte in früheren Jahren angelegt und wohl auch über eine gewisse Zeit gepflegt worden waren. Die jahrelange Nutzung durch Wanderfalken war nicht zu übersehen. Über die Personen, die früher die Nistplätze betreuten, ließ sich wenig in Erfahrung bringen, auch konnten keine Aufzeichnungen über die Art der Brutvögel und deren Brutdaten ermittelt werden. Nachdem die Nistplätze nun wieder in optimalem Zustand waren, hofften wir auf eine neue erfolgreiche Brutsaison der Wanderfalken. Zu unserer Freude konnten schon bei der ersten Kontrolle im April 2024 zwei Seite 3 von 3 adulte Vögel beim Brutwechsel beobachtet werden. Bei der nächsten Kontrolle im Mai waren überraschenderweise schon drei flügge Jungvögel auf verschiedenen Gebäudeteilen des Doms zu entdecken (Abb. 3). Die Eiablage war sehr früh, bereits Ende Februar, erfolgt. Üblicherweise ist damit ab Mitte März zu rechnen.

Ausblick: Der früh beginnende und offensichtlich reibungslose Brutverlauf lässt auf ein störungsarmes Umfeld schließen – bei diesem bedeutenden Bauwerk mit relativ hohen Besucherzahlen und Wohnhäusern in direkter Nachbarschaft ist das keine Selbstverständlichkeit. Dieses Umfeld wünschen wir den Wanderfalken natürlich auch für die Zukunft, sodass diese streng geschützte Art in diesem historischen Bauwerk auch weiterhin ohne Störungen erfolgreich ihre Bruten groß ziehen und ihren Bestand erhalten kann. Die PWN wird diesen Brutplatz weiterhin pflegen und alles Notwendige veranlassen, um den Bestand dieses wichtigen Brutplatzes zu schützen.

Danksagung: Sehr herzlich möchten wir uns bei der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz bedanken, die es ermöglicht den Vögeln geeignete Brutstätten zur Verfügung zu stellen. Ein besonderer Dank gilt Frau Dr. Beichler für die überaus freundliche und konstruktive Zusammenarbeit. Weiterhin bedanken wir uns bei den unbekannten Personen, die diese Nistmöglichkeiten wohl ursprünglich für Turmfalken angelegt und sicherlich auch eine Weile betreut haben.

Literatur: 

BAUER, H.-G., E. BEZZEL & W. FIEDLER (2005): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Nonpasseriformes: 360-363. MILLS, R., H. HILDENBRANDT, G. K. TAYLOR, C. K. HEME (2018): Physics-based simulations of aerial attacks by peregrine, falcons reveal that stooping at high speed maximizes catch, success against agile prey doi.org/10.1371/journal.pcbi.1006044. ROCKENBAUCH, D. (1998): Der Wanderfalke in Deutschland, Band 2. WIKIPEDIA: De arte venandi cum avibus – Wikipedia. Zuletzt besucht am 28.05.2024.

Anschrift des Verfassers: Günter Brombach – Projektgruppe Wanderfalkenschutz Niedersachsen, guenter.brombach@t-online.de